Schlauer, schneller, schlanker – es geht immer noch besser.

Der Begriff Selbstoptimierung ist für die westliche Welt schon lange kein Fremdwort mehr. Als neues Statussymbol wird dieser Lifestyletrend gehypt und in möglichst allen Lebensbereichen zelebriert. Gesundheit und Fitness stehen dabei ganz oben auf der Liste der Selbstoptimierer.

Auch der gesundlebende Agenturmitarbeiter von heute schließt sich dem harten Programm von Sportlern und Fitnessfanatikern an.

Die nächtliche Pizza und der Kaffeekonsum werden gegen Low-Carb-Gerichte und Proteinshakes getauscht. Nicht nur um top auszusehen oder als Ausgleich zum Job. Im Gegenteil: Sport ist in Agenturen Mittel zum Zweck geworden – er wird eingesetzt, um die eigene Leistungsfähigkeit zu optimieren. Um das tägliche Fitness-Programm abarbeiten und gleichzeitig seinen alltäglichen Verpflichtungen nachkommen zu können, bedarf es aber einer guten Organisation. Frühes Aufstehen und spätes Zubettgehen – ein Agenturstandard, der auch bereits ohne die täglichen Sporteinheiten besteht  – sind ein absolutes Muss. Wie sonst sollte man das straffe Programm aus Sport, gesunder Ernährung und Arbeit vereinen?

Der Trend schwappt aus den USA zu uns hinüber. Gerne bewegt man sich neuerdings im Silicon Valley zusammen mit seinen Arbeitskollegen im Takt dröhnender Bässe: „SoulCycle“, die neue Trendsportart für Körper und Geist, findet nicht nur in der „Bay Area“ größten Anklang, sondern inzwischen auch bei uns in Deutschland. SoulCycle ist eine Spinning-Variante, bei der sich junge und aufstrebende Profis auspowern und an ihre Grenzen gehen. Dafür sorgt ein Fitnesstrainer bzw. eine Fitnesstrainerin, mit meist bedenklich niedrigem Körperfettanteil. Das ganze findet zu lauter Musik und im Halbdunkeln statt – Partyatmosphäre also- damit nicht das Gefühl entsteht, für den perfekten Körper Schwerstarbeit verrichten zu müssen. Die aufstrebenden Jungprofis sollen sich innerhalb der 60-minütigen Einheiten „dem Moment hingeben“. Spirituelle Erlebnisse inklusive.

Doch wozu das alles? Die permanente „Steigerung nach Oben“ scheint zu mehr Produktivität zu verhelfen und Schwächen wie Fehlernährung, Sucht und Unbeweglichkeit zu beseitigen. So sind ein eiserner Willen und Selbstmaximierung also die Geheimzutaten für ein glückliches Leben, wie Instagram, Facebook & CO zeigen: „#SelbstoptimierungistgleichGlück“. Im digitalen Zeitalter liegt der Fokus mehr denn je auf dem Einzelnen und seinem individuellen Glück. Wir befinden uns in einem ständigen Wettkampf. Und der daraus resultierende Leistungsdruck und die scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten in allen Lebensbereichen sind die Treiber für das Streben nach der perfekten Version seines Selbst. So ist ein perfektes Ich auch bestens für den Agenturalltag gewappnet. Ein gestählter Körper zeigt: Ich habe die Kontrolle über mein Leben, bin stark und kann mit Stress umgehen. Aber ist das nicht auf Dauer zu anstrengend? Das ständige Grübeln und Nachdenken über sich selbst und der hohe und ständige Anspruch, das Maximum an Leistung zu erbringen und zu „verkörpern“.

Wer Spaß und Freude an Yoga, Pilates, Fitness, Marathon und CO hat, soll das selbstverständlich tun. Die Integration eines gesundheitsbewussten Lebensstils in den Agenturalltag ist durchaus anerkennenswert. Doch muss es nicht immer in einem Wettstreit mit sich selbst ausarten. Es genügt auch zwischendurch mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren oder einen kleinen Spaziergang in der Mittagspause zu machen. Eben alles in Maßen. Auch so kann die Bewegung in den Arbeitsalltag integriert und Ausgleich zum Arbeitsalltag werden – und nicht Teil davon.

Den Artikel gibt’s hier:

https://www.lead-digital.de/aktuell/work/wenn_leistungssteigerung_zur_selbstausbeutung_verkommt

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